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Stellungnahme zu den Nazi-Attacken auf das AZ und zu den Aktivitäten des Syndikat 52, der Nachfolge-Organisation der Kameradschaft Aachener Land

28. August 2020 - AZ Allgemein


In den vergangenen Tagen kam es erneut zu massiven Sachbeschädigungen am Autonomen Zentrum (AZ) Aachen.
So wurde am Mittwoch, dem 19. August 2020 eine der Scheiben an der Eingangstür des AZ mit einem unbekannten – zweifelsfrei aber harten Gegenstand attackiert. Dies geschah zeitgleich zu einer Gedenkveranstaltung für die Toten von Hanau, die an diesem Tag genau vor einem halben Jahr, am 19. Februar 2020 einem rassistischen Blutbad zum Opfer fielen. [1]
Die Beschädigung am AZ erfolgte am helllichten Tag – längst keine Seltenheit mehr in Aachen. Wären die Scheiben aus normalem Glas gewesen und nicht aus Sicherheitsglas, hätten diese den Schlägen höchstwahrscheinlich nur wenige Sekunden standgehalten.
Dass dies ausgerechnet während eines Gedenkens für die Mordopfer von Hanau am Elisenbrunnen geschieht, lässt eine deutliche Sprache erkennen und ist besonders widerwärtig.
In den darauffolgenden vier Tagen und Nächten kam es zu weiteren massiven Attacken an der bereits leicht beschädigten und der bis dahin noch intakten zweiten Scheibe. Am Sonntag, dem 23. August wurde dann zudem mit einem Stift das Kürzel der „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) an der Tür angebracht. An diesem Tag jährte sich das Verbot der Kameradschaft Aachener Land zum achten Mal. [2]

In den vergangenen Wochen und Monaten gab es zahlreiche Bedrohungen und Angriffsversuche durch Neonazis in der Innenstadt, in Burtscheid, rund um den Hauptbahnhof und im Frankenberger Viertel. Die Tendenz ist klar steigend. Dass ein Ort wie das AZ zwangsläufig ein Hass-Objekt für jeden Faschisten in der Region ist, liegt auf der Hand.
Längst üblich sind regelmäßige kleinere Sachbeschädigungen am AZ, wie zerstörte Briefkästen, kaputte Klingeln, gemalte Hakenkreuze oder Aufkleber. Der neuerliche Angriff jedoch und die aktuellen Entwicklungen reihen sich ein in eine lange Historie und veranlassen uns etwas weiter auszuholen und die Situation in einem größeren Kontext zu betrachten.

Angriffe durch Neonazis auf Gegner*innen und Menschen die nicht in ihr Weltbild passen sind in Aachen seit vielen Jahren an der Tagesordnung. Das Autonome Zentrum und seine Besucher*innen wurden in der Vergangenheit bereits vielfach zur Zielscheibe faschistischer Aggression. Auch wenn es in den letzten Jahren von vielen in der gesamten Stadtlandschaft, von den Medien und der Politik gerne verdrängt wurde und die Art der faschistischen Organisierung sich gewandelt hat: Aachen ist weiterhin eine Hochburg neonazistischer Umtriebe!

Die „Aachener Verhältnisse“
Die „Kameradschaft Aachener Land“ gründete sich im Jahr 2001 aus dem Umfeld der NPD, verschickte noch im selben Jahr eine Milzbranderregerattrappe an die Jüdische Gemeinde Aachen [4] und entwickelte sich in den darauffolgenden Jahren zu einer der aktivsten sog. „Freien Kameradschaften“ in West-Deutschland. Während sich ihre Aktivitäten zunächst auf das Aachener Umland und den Raum Düren konzentrierten und sie dort als eine Art Schlägertruppe für die NPD agierte, waren ab spätestens 2007 auch in der Stadt Aachen Angriffe auf Antifaschist*innen, Migrant*innen und andere „Feinde“ nicht mehr wegzureden.
Bereits nachdem im März 2008 eine Antifaschistische Demonstration unter den Augen der Polizei von etwa 40 bewaffneten Nazis angegriffen wurde [3], warnte das Aachener Bündnis gegen Rechts: „Eine unmittelbare Bedrohung durch Nazis droht zum Alltag in der Aachener Region zu werden”. [5]

Als im April 2008 in Stolberg ein 19-jähriger im Streit auf der Straße von einem Menschen ohne deutschen Pass erstochen wurde, erklärten die Neonazis das Mord-Opfer kurzerhand zu einem der ihren und bereits 15 Stunden nach der Tat marschierten 170, sieben Tage später gar 800 Neonazis in der Kleinstadt bei Aachen auf und instrumentalisierten den „deutschfeindlichen Mord“ für ihre menschenverachtenden Zwecke. [6]
Es folgten zahlreiche als „Trauermärsche“ getarnte Machtdemonstrationen, mit gravierenden Folgen. So gab es in Stolberg nicht nur den bis dato größten Nazi-Black-Block, es kam auch europaweit zu Solidarisierungen faschistischer Gruppierungen und das Event an den Jahrestagen des Mordes wurde für vier Jahre zu einer der wichtigsten regelmäßig stattfindenden Veranstaltungen der bundesweiten NS-Szene und erleichterte obendrein deren überregionale Vernetzung.
In den folgenden Jahren eskalierte die Situation in Aachen zunehmend. Brutale Übergriffe auf Antifaschist*innen, antirassistische Fußballfans und alternativ aussehende Menschen, Hetzjagden auf Punks und Migrant*innen, Angriffe auf Büros von Parteien und Gewerkschaften, alternative Kneipen und Privatwohnungen in der Innenstadt, Schüsse mit Gaspistole und Zwille auf Menschen vor dem AZ, antisemitische Sprüh-Aktionen an Synagoge und einem Jüdischen Friedhof, Buttersäure-Anschläge und eine Bombenattrappe am AZ, volksverhetzende Aufmärsche, eine Bombendrohung gegen ein Fußballspiel zwischen Alemannia Aachen und dem FC St. Pauli, Brandanschläge, offene Mordandrohungen gegen Nazi-Aussteiger*innen und öffentliche Outings von (vermeintlichen) Linken, um nur einen kleinen Ausschnitt zu nennen, waren an der Tagesordnung.

Trügerische Ruhe nach dem Verbot
Auch wenn es nach dem KAL-Verbot durch das NRW-Innenministerium im Jahr 2012, im Zuge dessen es knapp 50 Hausdurchsuchungen gab, für einige Jahre etwas ruhiger wurde – die Szene musste sich schließlich neu strukturieren – so hat die Serie neonazistischer Aktivitäten nie ganz abgerissen. Zwar ist die Anzahl der Aggressoren derzeit noch überschaubar, doch Übergriffe und Bedrohungen haben weiterhin Kontinuität. Fatal nur, dass dies bei vielen in dieser Stadt nicht mehr präsent ist. Spätestens mit dem, durch die alltägliche rechte Gewalt, erzwungenen Rückzug der antirassistischen Aachen Ultras aus dem Stadion im Januar 2013 hörten auch die wöchentlichen Schlagzeilen in der Presse auf. [7]
Und der doch so bunte Stadtrat mit dem runden Tisch gegen Rechts? Es hat fast ein bisschen den Anschein, als wäre es einigen dort und bei den Behörden sogar ganz gelegen gekommen, endlich mal Gras drüber wachsen zu lassen, denn schließlich – und wer würde dem widersprechen – ist das Thema Nazis einfach ätzend. Einzig das gängige Fazit ist falsch. Die KAL-Strukturen haben nicht aufgehört zu agieren, nur weil sie verboten sind. Die Neonazis haben daraus gelernt, was sie gefährlicher macht und könnten unter dem Namen „Syndikat 52“ schon bald ein ungeahntes Potenzial entfalten. Durch die Gründung der Partei „Die Rechte“ als Reaktion auf die Verbote nutzten die Neonazis nun geschickt das Parteienrecht für ihre Aktivitäten, dies soll ein Verbotsverfahren erschweren.
Der Kreisverband von „Die Rechte Heinsberg/Aachen“ gründete sich am 2. Februar 2013, sicherlich kein zufällig gewähltes Datum: noch ein Jahr zuvor feierten weit über 100 Nazis aus ganz Deutschland den KAL-Geburtstag in der Pontstraße; das „offizielle“ Gründungsdatum der KAL datierte seinerzeit auf den 1. Februar. [8]
Ein offizieller Ableger der „Die Rechte“ ist seit 2014 deren „Freizeitorganisation“, das „Syndikat 52“ (S52).

Das Syndikat 52 ist die Kameradschaft Aachener Land
Für uns ist klar wer für die jüngsten Angriffe verantwortlich ist. „Das Syndikat 52“, die direkte Nachfolgeorganisation der KAL. In der Stadt Aachen trat S52 zunächst hauptsächlich durch Sticker-Aktionen in der Innenstadt oder dem Frankenberger Viertel und gelegentlich gemalten Hakenkreuzen am AZ in Erscheinung. Eine Art schrittweises Zurückfinden in die Öffentlichkeit, während Schulungen und andere Kameradschaftsaktivitäten weiter im Verdeckten fortgeführt wurden und werden. Nach und nach steigerten sich über die Jahre die Aktivitäten wieder, dahinter dürfte eine langfristige Strategie stecken.
Ab Ende 2016 kam es wieder vermehrt zu Angriffen auf Antifaschist*innen am AZ und im Frankenberger Viertel, sowie zu vereinzelten Banner- und Sticker-Aktionen, teilweise auch unter dem Label der „Identitären Bewegung“. Deren personelle Überschneidung und Verknüpfung mit der militanten Rechten in Aachen ist spätestens seit dem Auffliegen eines Drogen-Dealer-Kreises rund um einen der führenden Köpfe von S52, Timm M. und seinen Bruder Karl, keine Spekulation mehr. [9] Die Gruppe hatte mutmaßlich mehr als 300.000 Euro mit dem Handel von Drogen erwirtschaftet. [10] Wieviel des Geldes in Neonazi-Strukturen, wie das „Syndikat 52“ geflossen ist, kann nur gemutmaßt werden. Timm M. jedenfalls, einer der Söhne des bundesweit führenden Nazi-Kaders Christian Malcoci [11], ist auch nach der Entlassung aus der Haft weiter als organisierter Neonazi in Erscheinung getreten.

Der Nachwuchs steht bereit
Insbesondere eine junge Clique heranwachsender Neonazis, rekrutiert, geschult und ideologisiert durch die Führungskader des „Syndikat 52“, tritt seit Mitte 2018 mit besonders aggressivem Verhalten auf. So kam es zu zahlreichen Bedrohungen, meist durch Gruppen von 3-5 Personen um Marcel N., Kayan H. und Norman S., zum Teil treten diese aber auch alleine oder im Duo in Erscheinung. Hierbei scheinen sie kaum Hemmschwellen zu kennen und sich in einem regelrechten Gewaltrausch zu befinden. Mehrfach wurde Besucher*innen des AZ, vermeintlichen Teilnehmer*innen von Fridays For Future-Demonstrationen oder einfach nur alternativ aussehenden Menschen in einem Hinterhalt aufgelauert und diese völlig unvermittelt angegriffen. Häufig sind sie in direktem Umfeld des AZ unterwegs und auf der Suche nach Menschen die sie angreifen können. So gut wie immer sind sie dabei mit Messer, Schlagwaffen und Pfefferspray bewaffnet und zögern auch nicht davon Gebrauch zu machen. [12]
Entschlossener Gegenwehr ist es zu verdanken, dass es bislang nicht zu schwersten Verletzungen oder gar Schlimmerem gekommen ist. [13]
Während sich langjährige Nazis und Nazikader zumeist – aus strategischen Gründen – weiterhin bedeckt halten, sind es die Jüngeren die sich offenbar im Straßenkampf üben sollen und dürfen um darin Erfahrung zu sammeln.

Nazis sind potenzielle Mörder*innen
Es sind keine Einzelfälle, wenn Neonazis aus Organisationen wie dem „Syndikat 52“ oder der KAL ihre Hemmungen gänzlich abbauen und Menschen schwer zu verletzen in Kauf nehmen, oder gar zu Mördern werden. Zahlreiche Beispiele aus der Vergangenheit zeigen das:
– Falko W., Neonazi und ehemaliges Mitglied der KAL schoss 2010 mit einer Zwille Stahlkugeln auf Menschen vor dem AZ, besaß eine scharfe Waffe und baute Sprengsätze, mit denen er bei einer Demo in Dortmund Antifaschist*innen töten wollte. Die Polizei nahm ihn kurz vorher fest. [14]
– Markus W., ehemaliges Mitglied der KAL plante als Führungsmitglied der „Oldschool Society“ Anschläge auf Kinderheime und beschaffte Sprengstoff um es Linken oder Muslim*innen in die Schuhe zu schieben. [15] [16]
– Mehrere Mitglieder der KAL schlugen 2011 in Wassenberg bei Heinsberg einen 47-jährigen, der sich negativ über Nazis geäußert hatte, mit einer Bierflasche nieder und traten ihm mehrfach gegen den blutenden Kopf, er überlebte schwer verletzt. [17]
– Fünf junge, mit einer Hitler-Fahne ausgestattete, Neonazis griffen 2015 mit Schlagstöcken, ebenfalls in Wassenberg, drei Geflüchtete an und traten mit Stahlkappenschuhen auf einen am Boden liegenden ein, das Opfer überlebte schwer verletzt. [18]
– Sven Kahlin erstach 2005 in Dortmund den Punk Thomas „Schmuddel“ Schulz. Nach seiner Haftentlassung wurde er mit offenen Armen in der dortigen Kameradschaft, dem „Nationalen Widerstand Dortmund“ aufgenommen. [19]
– Daniel Kappe beteiligte sich 2010 in Leipzig aus rassistischen Motiven am Mord an dem 19-jährigen Kamal Kilade, auch er war vorher mehrere Jahre lang Mitglied in der KAL. [20]

Kein Schritt weiter!

Die Angriffe, Bedrohungen und Einschüchterungsversuche in Aachen müssen wieder öffentlich thematisiert und skandalisiert werden und die, die derzeit als Hauptakteure auftreten, müssen auf allen Ebenen lautstarken Widerspruch und konsequente Gegenwehr erhalten, um den Nazi-Terror im Keim zu ersticken!

Wir als AZ Aachen werden in Zukunft auch wieder öfter an die Öffentlichkeit treten, wenn Nazis ihr Unwesen treiben und fordern alle dazu auf es uns gleich zu tun!

Der erstarkende Faschismus muss gestoppt werden!
In Aachen. Auf der Straße. Und in den Köpfen.
Lasst uns gemeinsam die Neonazis mit allen Mitteln bekämpfen und den Antifaschistischen Widerstand breiter und offensiver organisieren, damit wir in Aachen nicht bald schon wieder Zustände haben, die wir schon längst in der Vergangenheit wähnten!

Lasst uns diesen Wahnsinn stoppen – bevor jemand nicht mehr aufsteht!

Autonomes Zentrum Aachen, 27. August 2020


[1] https://www.dw.com/de/der-braune-sumpf-in-deutschland/a-36104772
[2] https://twitter.com/Diskursiv_AC/status/1296531535772999682
[3] https://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/146836/kameradschaften-im-visier
[4] http://de.indymedia.org/2008/03/211714.shtml
[5] https://www.aachener-nachrichten.de/lokales/aachen/nazis-eine-unmittelbare-bedrohung_aid-31784735
[6] http://klarmann.blogsport.de/2009/04/12/rechts-maer-und-maertyrer/
[7] https://11freunde.de/artikel/gejagt-und-ge%C3%A4chtet/440089
[8] https://www.mbr-koeln.de/2017/02/15/syndikat-52-alte-kal-strukturen-im-raum-aachen-dueren-und-heinsberg/
[9] http://akantifaac.blogsport.de/2019/03/14/drogen-nazis-zu-haft-verurteilt/
[10] https://www.neues-deutschland.de/artikel/1078698.dealende-nazis.html
[11] http://www.disskursiv.de/2010/02/23/christian-malcocis-dienstbefehle-an-%e2%80%9eautonome-nationalisten%e2%80%9c/
[12] https://de.indymedia.org/node/70593
[13] https://jungle.world/artikel/2020/13/selbstschutz-gegen-messer
[14] https://www.tagesspiegel.de/politik/prozess-gegen-neonazis-nach-verhindertem-anschlag/3697360.html
[15] https://www.zdf.de/politik/frontal-21/old-school-society-diskutierte-anschlaege-100.html
[16] http://antifadueren.blogsport.de/2016/04/28/anschlagsplaene-am-telefon/
[17] https://www.mbr-koeln.de/vor-ort/kreis-heinsberg/
[18] https://www.rundschau-online.de/news/aus-aller-welt/fluechtlinge-in-heinsberg-verpruegelt-bruellend-mit-nazi-flagge-auf-die-opfer-losgegangen-23602184
[19] https://de.wikipedia.org/wiki/Nationaler_Widerstand_Dortmund
[20] https://www.inventati.org/leipzig/?p=3520

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